Gesellschaft gestalten

 - Jeanette Kunsmann

Können gute Räume die kindliche Entwicklung fördern? Das Team vom Berliner Architekturbüro Baukind zählt in Deutschland zu den Pionieren für kreative Umgebungen, in denen Kinder spielen, lernen und wachsen können. Projekte in Um- und Neubauten zeigen, wie Raum und Gestaltung zum funktionalen Baustein für Pädagogik werden.

Gesellschaft gestalten
Für den Schulhof im denkmalgeschützten Ensemble des Berliner Phorms-Campus (2023) hat Baukind eine vertikale Containerlandschaft gestaltet: kompakt, aber mit viel Spielraum. © HEJM

Die Geschichte der Krippen, Kindergärten und Kitas beginnt düster. Als mit der Industrialisierung durch die Trennung von Eltern und Kindern im Arbeitsalltag die Notwendigkeit von Betreuung wächst, müssen in den ersten britischen Einrichtungen Kindergruppen auf Tribünen oft stundenlang stillsitzen. 1826 wurde weder gespielt, noch gelernt oder gefördert – diese Orte dienten allein der Aufbewahrung, waren Räume der Gehorsamkeit.

Im Spiel die Welt erfahren

Heute, rund 200 Jahre später, erscheint dieser Rückblick in die dunkle Geschichte glücklicherweise verstörend unwirklich. Den entscheidenden Wendepunkt in der Pädagogik markieren die Fröbelschen Ideen zur Kindesentwicklung und der daraus entstehende Kindergarten, wie wir ihn heute kennen. Nach Friedrich Fröbel (1782–1852), Pädagoge, Wissenschaftler und Schüler Pestalozzis, ist allein das freie Spiel die höchste Form der Entwicklung eines Kindes. Fröbel bringt Farbe in die pädagogischen Einrichtungen, definiert Tätigkeitsbereiche für unterschiedliche Aktivitäten und entwickelt sogenannte „Spielgaben“ wie Klötze, Zylinder und Kugeln. Dass Kinder im Spiel die Welt erfahren können, ist für den Pädagogen die höchste Stufe der Kindesentwicklung. Mit seinem sprachlichen Bild, dass Kinder wie Blumen sind, und weder bewahrt noch belehrt, sondern „glücklich im Sonnenlicht wachsen, erstarken und sich entwickeln sollen“, wird Friedrich Fröbel zum Erfinder und „Vater“ des Kindergartens. 1840 gründet er in Bad Blankenburg den ersten Kindergarten mit einem angegliederten Garten als Freiraum.

Der Raum als dritter Lehrer

Auch die Pädagogik von Emmi Pikler (1902–1984) fordert Räume mit Freiflächen und einfachen Geräten für Bewegungsübungen, damit Kinder sich selbstständig und sicher bewegen lernen. Für Loris Malaguzzi (1920–1994) gilt „neben dem Lehrer selbst und den anderen Kindern das Schulgebäude als der ‘dritte Lehrer’“, worauf er in den 1960er-Jahren sein Konzept der Reggio-Pädagogik aufbaut. Die Waldorf-Pädagogik von Rudolf Steiner (1861–1925) hingegen soll die selbstständige und freie Entwicklung eines Kindes fördern, in die auch die Umgebung miteinbezogen wird. Und für den dänischen Familientherapeuten Jesper Juul (1948–2019) steht das „kompetente Kind“ im Mittelpunkt: Kinder sind von Geburt an sozial und emotional ebenso kompetent wie Erwachsene – nach seinem Verständnis brauchen Kinder keine Erziehung, sondern Beziehungen. Noch einen Schritt weiter geht der reformpädagogische Ansatz der Offenen Arbeit, der sich nicht mehr auf feste Stammgruppen bezieht, sondern Kinder in ihrer Eigenständigkeit je nach Interessen und Bedürfnissen fördert.

Gestaltung auf Augenhöhe

Kitas, Krippen, Kinderarztpraxen und Schulen: Baukind entwirft Orte und Räume, die die Selbstständigkeit und Selbstwirksamkeit, die all diesen Konzepten gemeinsam ist, fördern wollen. Gestaltung auf Augenhöhe ist eine Bewegung, die das Berliner Architekturbüro im deutschen Kontext maßgeblich mitgeprägt hat. Das Team von Nathalie Dziobek- Bepler befasst sich seit 2010 mit Umgebungen, in denen Kinder wachsen und spielend lernen können: Pädagogische Ansätze verbinden sich mit den passenden Raumkonzepten für eine kindgerechte Architektur. „Für Kinder sollte man speziell planen“, weiß die Architektin und Baukind-Gründerin. „Kinder sind keine kleinen Erwachsenen, bei denen die Planung nur den Maßstab anpassen muss.“ Zusammen mit ihrem Team entwickelt sie Räume für Kinder, in denen sich alle Generationen angesprochen und gut aufgehoben fühlen sollen. Ein positiver Zirkelschluss: Wenn sich Erwachsene wohlfühlen, überträgt sich das auf die Kinder – und anders herum. Barrierefreiheit muss nicht unästhetisch und abschreckend wirken, Farbe in einer kindgerechten Architektur bedeutet nicht kunterbunt.

Design for all

Abstraktion hilft als wichtiges Mittel, um niemanden mit einer kindlichen Gestaltung auszugrenzen, Teenager zum Beispiel. Wie das aussehen kann, zeigt die bilinguale Phorms-Grundschule, die Baukind in Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg umgestaltet hat. Hier dominiert in den Fluren und Räumen die Akzentfarbe Rot in Kombination mit Bordeaux auf den übergroßen Tangrams. Baukind folgt in seinen Projekten außerdem dem Berliner Leitbild „Design for All“ für das barrierefreie Bauen in öffentlich zugänglichen Gebäuden.1 Es folgt dem Grundprinzip der Gleichwertigkeit: Barrierefreiheit wird nicht allein für Menschen mit Behinderungen berücksichtigt, sondern der gesamte Kreis der Nutzenden miteinbezogen.

Je nach Träger und Auftraggeber arbeitet Baukind mit unterschiedlichen Ansätzen, orientiert sich in seinen Projekten oft an dem reformpädagogischen Ansatz der Offenen Arbeit. Für die Berliner Planerinnen und Planer hat dieses Konzept in den letzten Jahren mehr Aufmerksamkeit und Bewegungsangebote einen höheren Stellenwert gewonnen. „Wir versuchen hierfür auch in Nebenräumen wie der Garderobe, den Fluren und auch im Badezimmer dynamische Angebote zu gestalten“, erklärt Nathalie Dziobek-Bepler. Ein gutes Beispiel dafür bietet die Kita Haveluferquartier, die 2024 in einem denkmalgeschütztem Offizierskasino in Spandau eröffnet wurde. Die extra eingerichtete Kinderküche, verschiedene Themenräume zum Klettern, Spielen und Lesen, das Bau- und Atelierzimmer und die offen gestalteten Spielflure geben den Kindern Raum für ihre Bedürfnisse.

Ordnung und Struktur

Raumkonzepte und -gestaltung richten sich nach den Interessen der Kinder, nicht nach den Gruppen. Themenräume gehen auf die Bedürfnisse ein und bieten Raum für Einzel- und Gemeinschaftsaktivitäten wie Klettern, Bauen und Experimentieren, aber auch Rückzugsorte und Nischen zum Lesen und Ausruhen. „Kinder sind alle genauso unterschiedlich wie Erwachsene“, erklärt die Baukind-Gründerin. „Umso wichtiger ist es, in der Gestaltung die einzelnen Bedürfnisse aufzugreifen: das Bedürfnis nach Spielen, nach Bewegung, Kommunikation und das Erlernen von sozialen Fähigkeiten. Wir bauen Räume, die dazu anregen, sich zu erproben, die herausfordern und fördern.“

Neugier spielt bei der Gestaltung von Orten für Kinder und Heranwachsende eine ebenso wichtige Rolle wie Unsicherheiten und Ängste, die mit dem späteren Erleben als Jugendliche einhergehen. Teenager brauchen andere Räume als Kleinkinder, um sich wohlzufühlen. „Ordnung, Strukturen, aber auch eine gewisse Leere, regen Kinder dazu an, selbst aktiv zu werden. Wobei Ordnung nicht nur Raum gibt, sondern auch Ruhe bietet: eine innere Ruhe“, betont Dziobek-Bepler. Klare Raumstrukturen lassen außerdem Platz für Chaos. In den neu gestalteten Innenräumen der Berg-Kita Stoos Lodge im Schweizer Kanton Schwyz oder dem Kitaneubau Oberlin im brandenburgischen Bad Belzig kann sich die Fantasie der Kinder frei entfalten.

Ein Schwimmbad wird zur Kita

Wegweisend sind neben den Neubauten auch Transformationen wie eine Kita in einem alten Offizierskasino oder in einem ehemaligen Schwimmbad. Das passt gut, denn wiederkehrende Gestaltungselemente in Baukind-Projekten sind die eigens von den Planerinnen und Architekten entworfenen Wasserlandschaften für wertvolle Sinneserfahrungen. Wasserspiele laden zum Experimentieren ein, das Bad wird zum vollwertig pädagogisch genutzten Raum. 

Im Berliner Süden hat das Büro im Oktober 2020 die Kita Hisa Malteser in dem denkmalgeschützten Bewegungsbad Marienfelde fertiggestellt. Neun Monate dauerten die Umbaumaßnahmen, zwei Jahre die Planung, um den seit 2014 leerstehenden Bestandsbau, der 1905 als Kloster erbaut und 1974 als Schwimmbad umfunktioniert wurde, ein drittes Leben zu schenken. Rund 100 Kinder verschiedener Altersklassen und Entwicklungsstufen werden jetzt in der Kita nach dem Montessori-Ansatz zu selbstständigem Handeln motiviert.

Mittig im ehemaligen Becken hat das Baukind- Team eine unterirdische Spielhöhle entworfen, in die alle Kinder über eine Rutschstange oder eine Rutsche eintauchen können. Darin warten Polster, Kissen und aufblasbare Schwimmtiere. So hat sich das ehemalige Becken in eine „trockene“ und ganz außergewöhnliche Unterwasserwelt verwandelt. Das alte Schwimmbecken ist mit einem Holzständerwerk überbaut, um den gut belichteten Raum darüber nutzbar zu machen.

Kreativer Brandschutz

Die Kita Hisa Malteser ist auch ein gutes Beispiel dafür, wie flexibel die Anforderungen im Brandschutz bei einem Sonderbau im Bestand sein können – auch wenn das in erster Linie mehr Zwänge bedeutet, ergeben sich Chancen, davon ist das Baukind-Team überzeugt. Wie es zum Beispiel gelingen kann, Korridore in Spielflure mit Brandlasten zu verwandeln, weiß Brandschutzplanerin Daniela Andresen von AMA Brandschutz, mit der Baukind oft zusammenarbeitet. „Das Schöne am Brandschutz ist, dass es weder richtig oder falsch gibt“, triumphiert die Architektin. „Deswegen heißt es Brandschutzkonzept.“ Kürzere Fluchtwege, vier statt zwei Notausgänge und eine Brandmeldeanlage kompensieren als Paket, dass ein Brandschutzflur mit F30-Wänden und selbstschließenden Türen die Nutzungseinheiten in dem 200 Quadratmeter großen Raum voneinander trennen müsste. „Kreativer Brandschutz“ nennt Baukind dieses Konzept, dass zuerst das pädagogische Ziel sieht, dieses in einen Raum übersetzt und dann nach der passenden Lösung sucht.

Der Grundriss als Werkzeug

Und wie füllen sich die Bauten für Kinder mit Fantasie und Leben? „Es reicht nicht, in ein fertiggestelltes Projekt ein paar Möbel reinzustellen“, sagt die Architektin. Konzeptionell müssen von Anfang an Innenraum und Möbel zusammengedacht werden – am besten modular und flexibel, damit sich die Flächen immer wieder an die Bedürfnisse anpassen können. Stapelbare Möbel und geschickt platzierter Stauraum wie in der Berg Kita erlauben spontane Indoor-Freiflächen zum Toben und Spielen.

Versteckte Potenziale in der Grundrissplanung bieten die Schwellenräume. Flure und Korridore sollten als aktive Elemente und zusätzliche Aufenthaltsräume geplant werden. Spielflure sind zusätzlich gewonnene pädagogische Flächen. Sitzpodeste, Klettergelegenheiten, Leseecken und Klanginstallationen verwandeln Erschließungszonen in neue Erlebnisräume und ermöglichen den Kindern Begegnungen und Austausch mit anderen Gruppen. Eine Schlüsselrolle in jeder Kita nimmt die Garderobe ein. Als Übergangsort des Ankommens und Abschieds kann hier Gestaltung Geborgenheit vermitteln und diese besondere Fläche durch eine gewisse Großzügigkeit den ganzen Tag über als Spielort fungieren.

Baukind macht Schule

Nathalie Dziobek-Bepler hat mit dem Umbau einer Kita, in der ihre eigenen Kinder betreut wurden, ihre Arbeit und Baukind gegründet. Seit dem Sommersemester 2025 untersucht die Architektin mit Studierenden an der Burg Giebichenstein Kunsthochschule Halle, wie die Schule der Zukunft aussehen sollte. Ein Punkt für die Lernlandschaften von morgen ist der Wunsch nach einem Gesamtschulsystem, das Kinder nicht nach der Grundschule in Gewinner und Verlierer einteilt. Ein anderer wiederum die Instruktionstreppe, die den Frontalunterricht ersetzt und bewegtes Lernen ermöglicht. Die Lehrerinnen und Lehrer geben einen 20-minütigen Input, Schülerinnen und Schüler verteilen sich im Gebäude und lernen dort, wo sie lernen möchten: im Liegen, Stehen, Sitzen oder auf dem Ergometer. Solche Schulkonzepte hat Baukind mit gmp Architekten gerade unter anderem in Bremerhaven umgesetzt. Die erste von drei Schulen in der Stadt Garbsen wird im September 2025 fertig. Ein Paradigmenwechsel für die Schule, die sich vom Lernort in einen Lebensort verwandelt. „Wir brauchen dafür neue Räume“, fordert Nathalie Dziobek-Bepler. Denn: „Kita und Schule: Das sind die Räume, wo Gesellschaft gemacht wird.“ Bauen für Kinder bedeutet Bauen für Menschen.

Wann kommt die Kitabau-Richtlinie?

Heute hat das Thema Bauen für Kinder an Sichtbarkeit und Relevanz gewonnen. Ganztagsanspruch und Sanierungsstau: Der Bedarf an Bildungsbauten ist für viele Städte und Kommunen dringlich geworden. In Deutschland sind die Bauaufgaben Krippe, Kindergarten und Kita als Sonderbau eingestuft und durch ein komplexes Gerüst aus Richtlinien und Empfehlungen der Bundesländer und Kommunen gesteuert – Bildung ist Ländersache (Art. 30 Grundgesetz). Eine Kitabau-Richtlinie, die analog zur 2009 eingeführten Muster-Schulbau-Richtlinie bundesweit eindeutige Vorschriften zu den Anforderungen für die Bereiche Brandschutz, Akustik, Beleuchtung, Barrierefreiheit, Hygiene, Raumklima und Gebäudesicherheit definiert, würde die Planungsarbeit wesentlich erleichtern. Baukind setzt sich schon lange für die Schaffung einer Kitabau-Richtlinie ein. Sie würde nicht nur die Architekturbüros, sondern alle Beteiligten, Träger und Bauherren, entlasten.

  • Stroh

    Die Professur für Kreislaufgerechten Holzbau am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) präsentiert dieses umfassende Nachschlagewerk zum nachhaltigen Bauen mit Stroh. Stroh bietet großes Potenzial für eine klimagerechte Baukultur: Es ist regional verfügbar, kostengünstig, CO2-speichernd und vollständig kreislauffähig. Die Publikation vermittelt Wissen über konstruktive, rechtliche und gestalterische Möglichkeiten auf nachvollziehbare, kritisch reflektierte und praxisnahe Weise. Sie dokumentiert Ergebnisse aus Lehre und Forschung, beleuchtet realisierte Projekte und zeigt konstruktive Prinzipien, Detaillösungen sowie gestalterische Potenziale. Hochwertige Fotografien, Pläne und Grafiken vermitteln die Inhalte anschaulich.